Review: Snotgirl (Image Comics)

Fashion, Online-Ruhm und… Allergien. Das sind die großen Aufhänger von Snotgirl, dem neuen Comic von Bryan Lee O’Malley (Scott Pilgrim) und Zeichnerin Leslie Hung (Instagram). Für den Autor ist es die erste, große Serie seit seinem Erfolgshit über das Besiegen der sieben teuflischen Ex-Freunde. Außerdem arbeitet er zum ersten Mal in klassischer US-Manier mit geteilter Arbeit und monatlicher Veröffentlichung.
Generell ist die Welt der Mode-Blogger eine, die in Comics bisher relativ unangetastet geblieben ist, obwohl sie viel Potential für einen extravaganten Stil und Intrigen aller Art bietet. Dazu ist der Aspekt mit der Online-Persönlichkeit ein durchaus spannender und ich mag generell Comics ganz gerne, die ein fadenscheiniges „hip“ als Aushängeschild nehmen. Daher blieb es nicht aus den ersten Sammelband mitzunehmen, um zu sehen ob er den Erwartungen daran gerecht wird. Vor allen Dingen weil O’Malley durch vorherige Werke einen Stein im Brett hat, ist die Erwartung natürlich auch nicht gering.

Lottie Person ist eine angesagte und schillernde Fashion-Bloggerin, die ihr Leben in vollen Zügen genießt. Zumindest ist es das, was sie ihre Mitmenschen glauben machen will. In Wahrheit wird ihr Leben durch ihre Allergien bestimmt, die immer wieder ihre perfekte Fassade bedrohen. Dazu sind ihre Freunde alle auf ihre Art furchtbare Personen, ihr Freund hat sie gegen „ein jüngeres Modell“ ersetzt und sie könnte oder könnte auch nicht jemanden umgebracht haben.

(c) Leslie Hung / Mickey Quinn / Image Comics

Als sich Bryan Lee O’Malley und Leslie Hung zusammengefunden haben, um gemeinsam einen Comic zu machen, haben sie erstmal eine Weile nach einem Inhalt gesucht. Immer wieder haben sie Themen in einen metaphorischen Topf geworfen, um endlich eine zufriedenstellende Schnittstelle zu finden. Sie haben sich auf die eigenen Stärken und Interessen berufen und am Ende heraus gekommen ist Snotgirl, ein Comic, der sich kritisch mit der heutigen Online-Kultur auseinander setzt.
Die Hauptfigur in ihrer Geschichte ist Lottie Person, die man mit Fug und Recht als Influencer bezeichnen kann. Sie ist an sich keine prominente Persönlichkeit, sondern nur ein Fan verschiedener Labels, der seine Meinung nach außen tragen möchte. Der Unterschied zu den meisten Menschen ist aber, dass man ihr zuhört und das sie auf diese Weise Status bekommt. Das resultiert daraus, dass das Auftreten im Internet heutzutage zu 99% Selbstdarstellung ist. Durch die wachsende Popularität von Blogs, YouTube und besonders sozialen Netzen wie Instagram, Twitter oder Facebook kann mittlerweile jeder Mensch jederzeit am Leben eines anderen Teil haben. Wir alle präsentieren uns. Dabei können wir zum einen versuchen uns in der bestmöglichen Version von uns darzustellen (Wie es auch Lottie tut!) oder uns selbst zu öffnen und über Lebenserfahrungen reden. Auf diese Weise zeigen wir uns oft als verletzlich und angreifbar, denn nicht selten sind diese Erfahrungen negativ und man nutzt das Netz (und seine Anonymität), um diese aufzuschreiben und so zu verarbeiten. Egal welchen Weg man wählt, es gilt immer: Online sein heißt auch performen… und genau darum geht es in Snotgirl.
Diesen Bruch von Selbstdarstellung und Realität visualisieren O’Malley und Hung sehr gekonnt in ihrem Comic, denn die titelgebende Rotze („Snot“) funktioniert in der Geschichte auch ein wenig als Metapher. Lottie will online perfekt sein und versteckt daher ihre Allergien vor der Öffentlichkeit. Sie schämt sich dafür. Zeitgleich verbirgt sich hinter ihr aber eine Figur, die gerne gefestigt wäre und zu ihren guten und schlechten Seiten stehen kann. Die mit ihren Allergien leben kann. Sie hat jedoch Angst diese ihren Mitmenschen zu zeigen. Die Reaktionen könnten einfach zu viel verändern. Immerhin lebt sie in einer von Perfektion umringten Welt.
Laut Image Comics fällt die Geschichte unter die Kategorien Comedy, Romance und Fashion, aber auch Anxiety und INFP werden als Schlagworte genannt. Genau diese Mischung hat den Comic in der Vorauswahl für mich so interessant gemacht, weil es potentiell viel persönliches Drama verspricht.

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„The starting theme is authenticity. Is the person she presents online a real person? Or is she even a real person when she’s not presenting that online? It’s a real thorny topic, and it’s still very new to me and to society in general, I think. I’m just exploring.“

– Bryan O’Malley im Interview mit CBR -_______________________________________________________________________________________________________

Nach dem ersten Sammelband muss ich leider sagen, dass der Comic nur etwas schleppend voran kommt. Es wurden zwar ein paar sehr spannende Stränge geöffnet, aber so richtig in Fahrt kommen will die Geschichte nicht. Der große Aufhänger mit Lotties Allergien spielt nur eine sehr untergeordnete Rolle. Stattdessen geht es vor allen Dingen um ihren Ex-Freund, die Beziehung zu ihren besten Freundinnen und ihren Haters Brunch, sowie eine ominöse neue Bloggerin, mit der Lottie gleich auf einer Wellenlänge ist.
Die Geschichte entwickelt sich also sehr viel in Richtung persönliches Drama und Interaktion mit Figuren. Ein großer Plot wird ein wenig nebensächlich und im Fokus stehen immer die Charaktere. Das finde ich nicht grundlegend schlecht und gerade in so einer Welt, die sowieso von Ruhm und Intrigen dominiert wird, kann man das durchaus sehr kreativ und weitreichend aufziehen. Leider gelingt das O’Malley mit dem ersten Band noch nicht so richtig. Die Konflikte sind alle nicht wirklich neu und gerade bei den Schönen und Reichen sind Themen wie Dreiecksbeziehungen und scheinheilige Freunde doch etwas überholt. Der Comic ist nicht grundlegend schlecht geschrieben, aber die Hälfte der Zeit wirkt es leider ein wenig wiedergekäut. Da hätte ich von ihm einfach mehr erwartet.
Erfreulich ist dafür, dass O’Malley in Zukunft doch mehr zu seinen Wurzeln geht und auf gewisse Regeln der Realität pfeift. Ein von mir bisher unterschlagenes Genre ist nämlich auch zeitgenössische Fantasy und genau dieses könnte der Wendepunkt sein, der dem Comic seine Einzigartigkeit gibt. Bereits im ersten Band gibt es ein paar Momente, die andeuten das gewisse Dinge wohl nicht so sind wie sie scheinen und damit ködern mich die Macher auch wieder sehr geschickt zum weiter lesen. Man will auf jeden Fall mehr wissen. Vor allen Dingen wenn sie doch einen etwas übersinnlichen Weg einschlagen.

(c) Leslie Hung / Mickey Quinn / Image Comics

Wenn es schon nicht die Geschichte selbst ist, die einen für Snotgirl begeistern kann, was dann? Ganz einfach! Die Charaktere. Vom normalen Mädchen von nebenan, bis zur supersüßen Lolita ist alles dabei, was sich in der Mode-Welt verkauft. Der Comic ist einfach voll mit ausdrucksstarken Persönlichkeiten und ihren Eigenarten und Problemen. Dadurch gewinnt die Handlung an unfassbar viel Witz und Charme, selbst wenn sie darüber hinaus sehr dünn bleibt. Der Vorteil ist hier einfach, dass in einer Geschichte über Selbstdarsteller die Selbstdarstellung am meisten überzeugen muss und das gelingt hier definitiv.
Der Bruch vom Snotgirl selbst, zwischen ihrer perfekten Glitzerwelt und dem ängstlichen Mädchen hinter der Fassade ist glaubhaft integriert. Gerade Leute, die im Moment noch jung oder mit den Anfängen des Internets aufgewachsen und dort heute noch zuhause sind, können hier sicher Identifikationsfiguren finden. Sie alle wissen genau wie das mit der Selbstdarstellung ist und das man in der digitalen Welt und den sozialen Medien oft eine Fassade trägt. Die Wenigsten zeigen deutlich, wie sie sich nach außen fühlen und wenn sie sich hinter einem Bildschirm verstecken können gleich noch weniger. Daher ist gerade die Verbindung von diesem Comic zur eigenen Wahrnehmung das, was ihn für potentielle Leser spannend macht.

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„Fashion blogging has been a point of interest for me for a few years, because it was a level below A-list celebrities and a level above your average person. They sell a fantasy, and that fantasy is a lifestyle. They’re real people who may or may not be recognized when they go get coffee, but they have millions of followers on social media, and most of those people may or may not be paying attention to what they’re doing or saying.“

 Leslie Hung im Interview mit Image Comics -_______________________________________________________________________________________________________

Die Zeichnerin Leslie Hung ist in der Comic-Szene zwar noch nicht zu bekannt, bringt aber definitiv einiges an Skills mit. Die Zeichnungen, die man von ihr findet, zeigen direkt warum sie die perfekte Wahl für einen Comic über schöne Frauen und Mode war. Der Stil fängt einfach alles ein, was man dafür braucht. Generell hat man schon beim durchblättern von Snotgirl den Eindruck, dass da sehr viel Recherche zum Thema Mode drin steckt und die meiste Zeit wirklich auf die Ausarbeitung von Charakteren und besonders ihrer Outfits gelegt wurde. Das ist auch eine Wahrnehmung, die ich bei Comics selten hatte… das mir als erstes die Kleidung der Protagonisten ins Auge sticht. Da kann man einfach nur eins sagen: Snotgirl hat Style!
Darüber hinaus sind die Charaktere zwar in ihren Proportionen realistisch, aber der Zeichenstil ist eher cartoonhaft und sehr simpel. Zur gleichen Zeit ist er aber auch erfrischend und elegant. Er schlägt sehr in die Kerbe anderer Comics, die auch einen eher „hippen“ Stil verfolgen, wie beispielsweise die Batgirl-Comics, die Babs Tarr gezeichnet hat. Schon die habe ich sehr geliebt und da ist es nicht verwunderlich, dass mir auch Snotgirl visuell sehr zusagt. Wer mit diesem Zeichenstil grundlegend was anfangen kann, wird sich auch für die Bilder von Leslie Hung begeistern lassen.
Der Verdienst für die gute Optik geht aber nicht alleine an die Zeichnerin. Auch Mickey Quinn als Koloristin und Maré Odome als Letterer leisten absolut wundervolle Arbeit. Die Modewelt besteht aus einer glitzernden und farbenfrohen Fassade und genau das fängt Quinn mit ihrer Arbeit gekonnt ein. Der gesamte Ton des Comics ist sehr knallig und die Farben sehr intensiv. Das merkt man ja schon an Lottie selbst und „Green Hair, don’t care“, dem Titel des ersten Sammelbandes. Die Kolorierung gibt den Zeichnungen von Leslie Hung das Leben, was noch gefehlt hat und rundet perfekt ab, was sowieso schon sehr gut ist.
Besonders auffällig gut ist auch das Lettering in diesem Sammelband. Da hat Maré Odome wirklich ganze Arbeit geleistet und durch Schrift verschiedenen Aspekten des Comics ganz unterschiedliche Intensität gegeben. Die meiste Zeit ist es solider Standard, der oft von monotonen Textnachricht- und Webbrowser-Fonts gebrochen wird und so immer wieder die Grenze zwischen der realen, unperfekten Welt und der statischen und makellosen Online-Realität aufzeigt. Am besten geglückt sind aber die Momente mit einem Ermittler, die immer wieder in den Fokus rutschen. Die Off-Texte um ihn und Recherche bezüglich eines Falls erinnert von der Schrift an alte Schreibmaschinen und Polizeiakten. Das gibt der Handlung eine gewisse Ernsthaftigkeit, die der leichtfüßigen Modewelt oft fehlt. Alles zusammen genommen ist das endlich mal ein Comic, bei dem man das Lettering wirklich loben muss, weil es so positiv auffällt. Eine erfreuliche Abwechslung.

(c) Leslie Hung / Mickey Quinn / Image Comics

Alles in allem ist Snotgirl also ein eher durchwachsener Comic, der vor allen Dingen an seiner grundlegenden Story noch etwas arbeiten muss. Wenn O’Malley da noch etwas nachlegen kann, dann wird das noch eine sehr erfolgreiche Reihe. Die Charaktere und Zeichnungen wissen auf jeden Fall schon zu begeistern und wer Lust auf Drama und die Probleme schöner Menschen hat, ist hier genau richtig aufgehoben. Mich selbst fasziniert diese Mischung aus Online-Wahrnehmung und Sozialphobie auf jeden Fall sehr und die offenen Fragen wecken das Interesse genug um am Ball zu bleiben. Bei einem Image Comic-Paperback für 9,99 Dollar macht man aber wie immer nicht viel falsch und einen Blick sollte ruhig jeder mal riskieren. Vor allen Dingen weil man auch einen sehr wertigen Sammelband bekommt. Durch ein halbseitiges Faltcover wirkt er direkt stabiler und eleganter und der leicht geprägte und glitzernde Titel gibt Snotgirl die Extravaganz, die ein Comic zum Thema Fashion braucht. In Sachen Design haben die Leute bei Image wirklich ein Auge für schöne Dinge bewiesen. Chapeau!

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Verlag:                                   Image Comics
Autor/in:                                Bryan Lee O’Malley
Zeichner/in:                          Leslie Hung
Kolorist/in:                            Mickey Quinn
Lettering:                              Maré Odome
Seiten:                                   136 Seiten
Preis:                                      9,99 Dollar

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Veröffentlicht von

El Nerderino

Der Comic-Stapel ist zu groß, die Lego-Kisten laufen über und bei den vielen Serien hat Netflix auch nichts mehr mit chill zu tun. Trotzdem wird sich immer mal wieder ein großer Kakao und Zeit zum bloggen genommen. Irgendwo muss die Meinung ja hin… auch wenn sie keinen interessiert.

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