Review: Glitterbomb (Image Comics)

Nachdem ich Jim Zub durch seinen Comic Wayward schon vor einiger Zeit schätzen gelernt habe, freue ich mich sehr endlich einen weiteres Werk von ihm in den Händen zu halten. Zusammen mit Zeichner Djibril Morissette-Phan nimmt er uns dieses Mal mit nach Hollywood, um eine Horrorgeschichte zwischen den Schönen und Reichen zu erzählen. Wer in dieser Erzählung die wirklichen Monster sind, das wird aber nur die Zeit zeigen. In diesem Sinne: It’s time to eat the rich. For real.

Farrah Durante ist eine gealterte Schauspielerin, auf der Suche nach ihrer nächsten, großen Rolle. Das erweißt sich jedoch schwieriger als gedacht, denn in Hollywood zählt Jugend mehr als Erfahrung. Daher ist es nicht verwunderlich, dass ihre Frustration mit jeder Ablehnung immer weiter steigt. Der Misserfolg nagt immer mehr an ihrer Psyche, bis sie schlussendlich etwas Unheimliches ins Meer lockt… etwas, das bereit ist sich an der Gesellschaft zu rächen, die besessen ist von Prominenten und Gossip. Zu Rächen an denen, die Farrah in die Verzweiflung getrieben haben.
Die Unterhaltungsindustrie ernährt sich von unserer Unsicherheit, den Wünschen und Ängsten. Man kann aber nicht mit diesen Emotionen spielen, ohne dass sie zurück beißen.

(c) Djibril Morissette-Phan / K. Michael Russell / Image Comics

Der Inhalt von Glitterbomb wird vom Verlag Image Comics als „Horror, Crime und Mystery für erwachsene Leser“ eingestuft und genau das wird einem auch geboten. Was Jim Zub hier erzählt ist eine nur all zu reale Geschichte, die um ein mystisches Element erweitert wurde. Wenn man versucht in Hollywood Fuß zu fassen, dann ist es wahrscheinlich schon eine all zu gruselige Vorstellung, wenn man ständig an den Vorsprechen scheitert. Die glitzernde Welt der Stars und Sternchen beginnt langsam einen aufzufressen und man verzweifelt am eigenen Misserfolg. Treibt man dieses Spiel noch weiter, dann ist es nicht verwunderlich, dass aus dieser Frustration ein Monster entspringt, dass sich betrogen fühlt. Es entsteht ein Schreckgespenst, das Hollywood genau das zurück geben möchte, was man mit ihm getan hat.
Aus dieser Richtung betrachtet ist Glitterbomb wohl auch nicht nur ein klassischer Horror, sondern vor allen Dingen eine Geschichte über Rache. Die Protagonistin Farrah hat in der Stadt der Engel einiges mitmachen müssen und das kommt langsam alles wieder zum Vorschein. Sie war als Jugendliche ein Star, doch jetzt will niemand mehr etwas von ihr wissen. Als Frau in Hollywood ist man entweder jung und sexy oder alt genug um eine charismatische Großmutter zu spielen. Ansonsten hat man keine Chance. Zumindest ist das die Erfahrung, die Farrah und auch viele andere Frauen in Hollywood machen müssen. Mit den Newcomern wird gespielt und sie müssen machen was man von ihnen verlangt. Egal ob sie wollen oder nicht. Es ist ein Wechselspiel von Missbrauch und Erfolg… und am Ende ist man eine aus Millionen oder wird einfach nur vergessen.

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„Farrah has been traumatized and its effect is shown without voyeuristically presenting the reader with the sexual acts. I wanted to avoid making something terrible and invasive look titillating or acting like we were glorifying it in any way. That’s not the point.“

– Jim Zub im Interview mit Comics Alliance –
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Glitterbomb ist aber mehr als eine stumpfe Kritik an Hollywood, wie man sie schon mehr als einmal gelesen hat. Stattdessen setzt sie sich aus vielen kleinen Elementen zusammen, die schließlich ein großes Ganzes ergeben. Auf den ersten Blick scheint es zwar weiterhin eine gruselige Geschichte zu sein, in der es um ein schreckliches Monster geht, aber das kratzt nur an der Oberfläche. Tatsächlich liegt der Fokus nur sehr gering auf der Kreatur, die Farrah befallen hat. Sie wirkt viel mehr als ein Element, dass die eigentliche Geschichte voran treiben soll und dient ein wenig als Ausrede für das Handeln der Hauptfigur. Das Töten selbst ist auch auf ein Minimum beschränkt. Die Geschichte wird viel mehr emotional auf diese Punkte hin aufgebaut. Für Farrah wirkt das Töten fast wie eine Katharsis. Als würde sie sich von etwas befreien und so eine Mauer überwinden, die sie um sich selbst gebaut hat. Das Monster hat also immer einen inhaltlichen Wert und ist nie im Einsatz, nur weil es spektakulär aussieht und die Leute auf die Gore-Elemente stehen.
Viel mehr ist Glitterbomb eine emotionale Berg- und Talfahrt aus dem realen Leben einer ganz normalen Frau, die im Leben nicht viel Glück hatte. Es geht um die Dinge, die ihr im Leben passiert sind und wie sie ihnen trotzdem Stand hält. Außerdem um die Menschen, die ihr nah stehen und wie sie durch die Veränderungen an ihr beeinflusst werden. Es ist eine traurige Geschichte, die nicht versucht Hollywood mit einer glitzernden Fassade zu verpacken.

(c) Djibril Morissette-Phan / K. Michael Russell / Image Comics

Als positiver Aspekt von Glitterbomb ist es auf jeden Fall hervor zu heben wie aus dem Leben gegriffen die Charaktere sind. Für jede Erfolgsgeschichte in der Filmindustrie finden sich Millionen geplatzte Träume. Farrah bildet da keine Ausnahme. Trotzdem geht ihr Leben weiter und irgendwie bekommt sie es auf die Reihe. Sie ist eine Single-Mutter, die ihren Alltag, die Erziehung und die verzweifelte Suche nach dem neuen Durchbruch unter einen Hut bringen muss und immer mehr von der Last erdrückt wird. Sie ist schüchtern und man hat durchgehend das Gefühl, als hätte sie resigniert und würde keine Zukunft mehr sehen. Diese Frau ist gebrochen.
Auf der anderen Seite steht das Monster, das immer wieder die Führung übernimmt. Ganz im Stil von Fight Club ist es nicht mehr der verweichlichte Typ, der sich dem Alltag ergeben hat, sondern der Tyler Durden, der allen Konventionen in den Arsch tritt. Die parasitäre Kreatur wird zu einer Metapher für den Schmerz und die Verzweiflung, die einen konsumieren, aber bricht auch ganz visuell aus, um denen den Kopf abzureißen, die Farrah betrügen.
Zusätzlich zu Farrah und dem Monster gibt es aber noch eine facettenreiche Auswahl an Nebenfiguren, die in der Geschichte eine Rolle spielen. Vor allen Dingen das Privatleben der gescheiterten Schauspielerin wird dabei ins Auge gefasst. Sie will natürlich niemanden verletzten, der ihr nahe steht und der Mensch sein, den sie in ihrem Leben brauchen. Nur all zu selten gelingt das Farrah. Sie hat zu wenig Zeit für ihren Sohn Martin, der daher ständig von der Babysitterin Kaydon betreut wird. Diese ist eine junge Frau, die am liebsten auch in die glamouröse Welt von Hollywood eintauchen würde. Sie will ein Star werden und sieht in Farrah ihr eigenes Sprungbrett. Trotzdem stehen die beiden sich sehr nah und sehen im jeweils anderen nicht nur Mittel zum Zweck.
Eine weitere, zentrale Figur ist Isaac Rahal. Er ist der Ermittler, der die ungewöhnlichen Morde untersucht. Wie die meisten Polizisten, die schon lange im Geschäft sind, ist er ernst und abgeklärt. Er hat schon viele Schuldige gesehen und ist sich ziemlich schnell sicher wen man im Auge haben muss und auch warum. Nur wie die Verbrechen begangen wurden, da kann er sich noch keinen Reim drauf machen.

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„I dug in and researched the Hollywood that happens off camera. Big budgets and even bigger egos. Lots and lots of fascinating stories about risk takers and outcasts along with deluded and broken people.“

– Jim Zub im Interview mit Comics Alliance –
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Der möglichst aus dem Leben gegriffene Horror, der viel tiefer geht als einfache Monster, wird von dem Newcomer Djibril Morissette-Phan zeichnerisch sehr gekonnt in Szene gesetzt. Sein Stil ist realistisch und unangenehm. Er fängt das alltägliche Setting gekonnt ein und liefert einen guten Eindruck von Los Angeles, wie es leibt und lebt. Zeitgleich schafft er es den Figuren auch visuell ein Drama zu verleihen, dass es einem leicht macht mit ihnen mitzufühlen. Besonders Farrahs Verhalten kann wahrscheinlich jeder nur all zu gut verstehen, auch wenn es sehr brutal ist. Das ist zum Teil auch der Verdienst von diesem Zeichner.
Kombiniert mit den Farben von K. Michael Russell wird genau der Realismus erzeugt, den so eine Geschichte braucht. Alleine dadurch wirkt der Monster-Aspekt nur um so skurriler. Daher ist der Comic farblich durchweg eher bedrückend gehalten, auch wenn es ein paar wirklich erfrischend helle und klare Momente in der Sonne von Los Angeles gibt. Der Charme der Stadt wird so positiv eingefangen, dass es um so verstörender ist, wenn ihn Jim Zub mit seiner Geschichte wieder einreißt.
Alles in allem bleibt der Comic durch die Bank visuell unangenehm und düster. Man lässt sich oft von der angespannten Stimmung mitreißen und es wird einem leicht gemacht in der Welt zu versinken. Zumindest bis es zu den Monster-Elementen kommt. Diese holen einen selbst schnell in die Realität zurück, um den Aufbau und Schrecken bis zu diesen Momenten zu realisieren. Das gelingt besonders gut, weil die Zeichnungen dort durch die gegebene Situation mit dem Realismus brechen. Stattdessen sieht man Elemente von schrecklichen Kreaturen, die aber nur sehr grob und reduziert dargestellt werden. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, wirken die Szenen zeitgleich sehr unangenehm und intensiv. Was sich in den menschlichen Wirten verbirgt, dass wird nämlich nicht enthüllt und so mutmaßt man weiter und es bleibt ein Unbehagen, das einen bis zum Ende durch den Comic begleitet.

(c) Djibril Morissette-Phan / K. Michael Russell / Image Comics

Am Ende kann man sagen, dass Jim Zub mich erneut überzeugt hat. Wenn man unbedingt einen Comic von ihm lesen will, würde ich zwar immer noch Wayward zum Einstieg empfehlen, aber gerade wenn man für Horror etwas übrig hat, dann weiß auch Glitterbomb zu überzeugen. Die Handlung wirkt an manchen Stellen zwar ein wenig platt und gerade der Ermittler, der Farrah auf der Spur ist, ist wenig erfrischend in seiner Art. Trotzdem ist der Blickwinkel auf Hollywood sehr spannend. Außerdem wird durch die Kreatur, die in einem lauert und irgendwann ausbricht, wenn das Leben einen einmal zu oft betrogen hat, eine schaurig-schöne Idee zu Papier gebracht, die auch gut zeigt welcher Schrecken vom Menschen selbst ausgehen kann.
Ich persönlich bin auf jeden Fall sehr gespannt auf den zweiten Band, der den Fokus weg von Farrah lenken soll und sich stattdessen mehr auf die Babysitterin Kaydon fixieren will. Durch missliche Umstände kommt sie selbst zu überraschendem Ruhm und muss sich in ihrer neu erworbenen Bekanntheit nun auch den Folgen aus dem ersten Band stellen. Eine spannende Prämisse, die sicher viel frischen Wind in die Geschichte von Glitterbomb bringen kann.

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Verlag:                                   Image Comics
Autor/in:                                Jim Zub
Zeichner/in:                          Djibril Morissette-Phan
Kolorist/in:                            K. Michael Russell
Lettering:                              Marshall Dillon
Seiten:                                   136 Seiten
Preis:                                      9,99 Dollar

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Veröffentlicht von

El Nerderino

Der Comic-Stapel ist zu groß, die Lego-Kisten laufen über und bei den vielen Serien hat Netflix auch nichts mehr mit chill zu tun. Trotzdem wird sich immer mal wieder ein großer Kakao und Zeit zum bloggen genommen. Irgendwo muss die Meinung ja hin… auch wenn sie keinen interessiert.

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