Review: Giant Days (Popcom) – Reupload

Immer wieder nehme ich mir vor mal einen tieferen Blick auf Web-Comics zu werfen. Immerhin gibt es auch dort einiges zu entdecken. Daher habe ich vor einer weile angefangen Dumbing of Age zu lesen, weil der mich auf vielen Ebenen angesprochen hat. Der Web-Comic dreht sich um ein paar junge Erwachsene und deren Erfahrungen auf dem College. Was erstmal gar nicht so spannend klingt, wurde schnell so unterhaltsam und sympathisch erzählt, dass ich in kürzester Zeit hunderte von Seiten gelesen hatte. Ich saß auf dem Trockenen.
Da ist es nicht verwunderlich, dass ich mich auf die Suche nach ähnlichen Geschichten gemacht habe, die meinen Drang nach Slice-Of-Life wieder stillen können. Immerhin ist es eins meiner liebsten Genres und irgendwas dieser Art muss bei mir immer zum lesen zur Hand sein.
Fündig bin ich auch ziemlich schnell geworden. Der deutsche Verlag Popcom hat sich nämlich die Rechte an dem Comic Giant Days gesichert, der in den USA bei dem Verlag BOOM! Studios erschienen ist. Angefixt durch die Inhaltsangabe und meinen Drang nach genau so einer Geschichte, habe ich zum ersten Mal seit Jahren nach einer deutschen Version eines US-Comics gegriffen. Bereut habe ich es nicht… und jetzt: „Auf sie mit Gebrüll!“

Esther, Susan und Daisy sind Zimmernachbarinnen im College-Wohnheim. Das ist auch schon das einzige, was die drei jungen Frauen gemeinsam haben. Trotzdem sind sie beste Freundinnen geworden. So ist das eben auf dem College. Man ist neu und fühlt sich erstmal unorientiert und hilflos. Da bleibt man schnell an den ersten Menschen hängen, die man trifft und teilt ein gemeinsames Band.
Das gilt sogar für die Einzelgängerin  Susan, die immer mehr in die Mutterrolle für die leichtlebige Esther und unerfahrene Daisy rückt und sich den beiden annimmt, obwohl sie mit genug eigenen Problemen zu kämpfen hat. Beispielsweise einem Schatten aus ihrer Vergangenheit.
Zusammen erleben die drei Freundinnen den alltäglichen College-Wahnsinn und schlagen sich sehr humorvoll mit ganz normalen Problemen des Erwachsenwerden herum.

(c) Lissa Treiman / Boom! Studios

Ich selbst habe noch nicht all zu viele Erfahrungen im Bereich der Web-Comics und taste mich da in den letzten Monaten langsam aber sicher immer mehr heran. Daher muss ich auch zugeben, dass ich bisher nichts von dem Autor John Allison gelesen habe. Wer sich in der Szene auskennt, wird seinen Namen aber sicherlich schon mal gehört haben. Nicht zuletzt durch so bekannte Werke wie Bad Machinery oder Scary Go Round.
Tatsächlich ist Giant Days am Anfang selbst ein Web-Comic gewesen und wurde später in drei Heften als Print-Version veröffentlicht. Das erste Heft erschien 2011 und die anderen beiden zwei Jahre später. Zu diesem Zeitpunkt dienten sie auch als Vorlage, die an Boom! Studios verschickt wurde, um den Comic als Mini-Serie zu veröffentlichen.
Die ersten Hefte waren jedoch so erfolgreich, dass aus der sechsteiligen Mini-Serie mittlerweile eine Fortlaufende geworden ist, die bereits mehr als viermal so viele Ausgaben umfasst.

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„The thing about young people is that they’re everywhere, and they’re quite noisy. I use public transportation. The youth of today are not keeping what they’re up to a secret.“

– John Allison im Interview mit CBR –
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Verwunderlich ist eine Erweiterung der Serie nicht, da Giant Days eine wirklich sympathische und leichtfüßige Slice-of-Life-Geschichte ist, die ihre Leser schnell in den Bann zieht. Das Drama nimmt niemals zu absurde Ausmaße an und der Rahmen des Comics ist sehr bodenständig und realistisch. Die drei Hauptfiguren stellen sich ganz alltäglichen Problemen, wie Krankheiten, ihrer Sexualität oder Zukunft. Dabei ist der Comic sehr direkt und wirkt wie ein gelungenes Abziehbild einer Altersgruppe, die noch nicht fest im Leben steht und nicht genau weiß was sie will, damit aber jeden Tag wieder konfrontiert wird.
Als Inspiration dienen Allison nicht nur eigene Erfahrungen und die seiner Freunde. Immerhin liegt das auch schon 20 Jahre zurück und er möchte ein glaubhaftes Bild der heutigen Jugendlichen liefern. Daher verwertet er zwar seine eigenen Geschichten, hat sich aber auch viel Inspiration aus Film und Fernsehen geholt. Er hat selbst gesagt, dass er in seinem Schaffensprozess sehr viel Gilmore Girls geguckt hat. Als Fan der die Serie glaube ich ihm das aufs Wort. An vielen Stellen ist der Humor nämlich ein ganz ähnlicher und Figuren so überzeichnet, wie die Einwohner von Stars Hollow. Glaubwürdigkeit büßen sie dadurch aber nicht ein. Stattdessen schafft es Giant Days frischen Wind in klassische College-Troops und -Figuren zu bringen. Allisons Herangehensweise an altbekanntes ist so erfrischend und humorvoll, dass man sich ein bisschen wie zuhause fühlt, aber nicht als würde man die zwanzigste Version vom Breakfast Club lesen.
Außerdem gelingt es ihm alle Figuren gleichermaßen in den Fokus zu rücken. Obwohl Susan die Rolle der Erzählerin übernimmt, hat man nie das Gefühl, als würde es sich nur um sie drehen. Der Fokus der größten Storyline liegt zwar auf ihr, aber in den einzelnen Heften sind ihre beiden Freundinnen nicht weniger wichtig. Dabei agieren sie sowohl zusammen, als auch alleine. Das ist auch der große Pluspunkt der Hefte. Auch wenn man es hier gebündelt ließt, so hat jede Ausgabe ihre eigene Geschichte gehabt, die den Fokus immer wieder neu verteilt.
Am besten gefallen mir die drei Freundinnen aber zusammen. Der größte Pluspunkt des Comics sind nämlich seine cleveren Dialoge. Die sind oft so wundervoll auf die Spitze getrieben, dass sie ihren ganzen Realismus verlieren. So würde einfach niemand reden. Trotzdem werden die Charaktere dadurch so sympathisch und nachvollziehbar, dass man sie einfach ins Herz schließt. Genau darum sollte es bei Slice-of-Life doch auch gehen.

(c) Lissa Treiman / Boom! Studios

Auch wenn man sicher einige Arbeiten kennt, an denen sie mitgewirkt hat, ist Lissa Treiman bisher wahrscheinlich den Wenigsten ein Begriff, denn Giant Days ist ihr Comic-Debüt. Erfahrungen konnte sie aber schon einige sammeln, wenn auch von etwas anderer Art. Zuvor war Treiman nämlich als Storyboard Artist für Disney tätig und hat unter anderem an den Filmen Rapunzel – Neu Verföhnt! oder Baymax – Das große Robowabohu! mitgewirkt.
Auffällig an ihren Zeichnungen ist der oft simple und cartoon-artige Stil, der sehr viel mehr an Web-Publikationen erinnert, als an das, was man von Standard-Comics gewohnt ist. Man merkt deutlich, dass die Originale von Allison eine starke Inspiration waren und trotzdem ist es ihr gelungen etwas ganz eigenes zu schaffen, das sich stilistisch perfekt zwischen den anderen Boom! Box-Publikationen einreiht.
Besonders auffällig am Zeichenstil von Treiman ist die Körpersprache der Figuren. Die passt sich perfekt der teilweise überzogenen Art des Autors an und ist sehr ausschweifend und lebendig. Das trägt nicht nur zum Humor der des Comics bei, sondern dient auch als Alleinstellungsmerkmal. Der Zeichenstil unterstützt es, dass ich mich in die Charaktere hineinversetzen kann und lässt sie mich noch mehr mögen.

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„The most rewarding thing has been working with talented people who make my work so much better. The response to the series has been lovely and it really is the sum of all the parts that go into the book – readers included.“

– John Allison im Interview mit Bleeding Cool –
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Als ich in der Buchhandlung stand und den ersten Band von Giant Days in der Hand hatte, habe ich mich noch ziemlich unsicher gefühlt. Eigentlich bevorzuge ich es, meine US-Comics auch in ihrer Originalsprache zu lesen. Trotzdem haben mich mein Drang nach einer neuen Geschichte und die Wertigkeit des Buchs dann doch überzeugt den Band mitzunehmen.
Bei Popcom bekommt man den Comic nämlich als wirklich hochwertiges Hardcover und das zu einem sehr guten Preis. Der Band umfasst dabei die ersten vier Hefte der Reihe und eine Covergalerie. Außerdem wurden die Cover zusätzlich am Anfang der jeweiligen Kapitel noch einmal aufbereitet, um dem Farbschema und generellen Look des Buches zu entsprechen. Das mag zwar nur wie eine Kleinigkeit erscheinen, trägt aber sehr viel zur optischen Qualität des Hardcovers bei.
Auch die Übersetzung ist bei diesem Comic sehr gelungen. Ich habe mir zum Vergleich ein paar der amerikanischen Preview-Seiten angesehen und es wurde geschafft sehr nah am Original zu bleiben. Teilweise vielleicht etwas zu sehr. Daher wirken manche Stellen irgendwie erzwungen und hölzern. Trotzdem bleibt der Lesefluss überwiegend sehr dynamisch und zufriedenstellend. Erfreulich ist vor allen Dingen, dass man nicht auf Teufel komm raus hip und jugendlich klingen wollte, obwohl es sich bei diesem Setting angeboten hätte. So bleiben die Dialoge zwar überspitzt, wirken aber von der Struktur nicht total unglaubwürdig.

(c) Lissa Treiman / Boom! Studios

Alles in allem ist Giant Days eine sehr unterhaltsame Slice-of-Life-Geschichte, mit viel Humor. Wer im Moment einfach mal nach einer leichten Geschichte sucht, mit der er etwas ausspannen und seinen Spaß haben kann, ist bei diesem Comic genau richtig aufgehoben. Endlich mal keine Events und Kriege, die gleich ganze Universen auf den Kopf stellen, sondern bodenständige, leichtfüßige Alltagssorgen, die man mit einem Augenzwinkern und etwas Humor aus der Welt schaffen kann.
Ich, für meinen Teil, habe auf jeden Fall einen guten Ersatz für Dumbing of Age gefunden und werde mir auch die weiteren Abenteuer aus dem Leben von Esther, Susan und Daisy nicht entgehen lassen.

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Verlag:               Popcom
Autor/in:            John Allison
Zeichner/in:      Lissa Treiman
Kolorist/in:        Whitney Cogar
Seiten:               112 Seiten
Preis:                 14,00 €

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Veröffentlicht von

El Nerderino

Der Comic-Stapel ist zu groß, die Lego-Kisten laufen über und bei den vielen Serien hat Netflix auch nichts mehr mit chill zu tun. Trotzdem wird sich immer mal wieder ein großer Kakao und Zeit zum bloggen genommen. Irgendwo muss die Meinung ja hin… auch wenn sie keinen interessiert.

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