Review: Angel City – Town Without Pity (Oni Press)

Los Angeles, die Stadt der Engel, war schon immer ein Ort, der die Menschen fasziniert hat. Besonders in dem Wort Hollywood schwingen Hoffnung, Zuversicht, aber auch unfassbar viel Schwermut mit. Die Menschen kommen in Scharen in die Stadt, in dem Glauben das große Los zu ziehen, doch nur den Wenigsten ist das auch geglückt. Trotzdem hat dieser Ort unsagbar viel Magie und gerade in den Anfängen des Kinos auch ein nahezu unerschöpfliches Maß an Charme. Nicht grundlos liefern deshalb auch in Angel City die 30er-Jahre ein wundervolles Setting für eine Geschichte über den Zauber von Hollywood und korrupte Gangster.

Mit Hoffnung auf den großen Durchbruch kam Dolores Dare nach Hollywood. Sie und ihre beste Freundin Frances waren sicher, dass sie einmal große Filmstars werden würden. Im Rampenlicht stehen und von jedem bewundert werden, das war der große Traum. Doch schnell musste Dolores feststellen, dass nicht jeder so viel Glück haben kann. So kommt es dazu, dass sie mittlerweile nicht mehr versucht zu schauspielern, sondern sich als Geldeintreiberin für einen lokalen Mafiosi verdient.
Durch die neuen Umstände hat Dolores ihr altes Leben hinter sich gelassen und auch den Kontakt zu Frances abgebrochen. Als deren Leiche in einem Müllcontainer in Chinatown gefunden wird, holt die Vergangenheit Dolores aber wieder ein. Sie beschließt der Sache selbst auf den Grund zu gehen. Je näher sie der Wahrheit kommt, umso gefährlicher wird es jedoch für sie und schnell sieht sie sich mächtigen Filmstudios, korrupten Polizisten und Leuten aus ihrem eigenen Berufsfeld gegenüber gestellt.

(c) Megan Levens / Nick Filardi / Oni Press

Für Sammler von US-Heften ist es manchmal gar nicht so leicht zu sagen, was man lesen soll oder nicht. Gerade im Indie-Bereich muss man zwei Monate vor Release bestellen, sonst hat man kaum noch eine Chance auf die Hefte. Zumindest wenn man, wie ich, keinen Comicladen in der unmittelbaren Nähe hat. Daher entwickelt man doch recht schnell ein Gefühl dafür, anhand von einem Cover und einer kurzen Inhaltsangabe zu sagen, ob man etwas mögen wird. Bei Angel City war mir von Anfang an klar, dass der Comic mich auf vielen Ebenen treffen würde. Mit einer gewissen Begeisterung für das Medium Film, kann man sich doch oft für die romantisierte Sicht auf Hollywood erwärmen und das Unheil im Schatten sorgt für die nötige Tiefe. Schöne Frauen, Gangster und der große Traum. Dazu der Charme der 30er-Jahre und man hat mich an der Angel. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass ich Angel City vorbestellt habe.

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„I definitely did a lot of research into Hollywood history, and particularly the life and murder of Elizabeth Short, aka the Black Dahlia. There’s, like, a whole true crime section you could build out of books that claim to reveal “the truth” about the unsolved Black Dahlia murder.“

– Janet Harvey im Interview mit The Mary Sue –
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Der Comic erzählt die Geschichte einer Frau, die von der Stadt gebrochen wurde. Sie hüllt sich in einen harten Panzer und lebt hinter einer Fassade zwischen Gangstern. Dort geht es ihr gut und ihr Leben ist gefestigt. Zumindest bis ein harter Schlag ihr Leben auf den Kopf stellt. Ab diesem Punkt wird Angel City zu einem packenden Krimi, der genau den Zeitgeist trifft und ein glaubhaftes Bild der 30er vermittelt. Die Geschichte involviert Detektivarbeit, die vom Filmset bis zu den großen Mafiabossen reicht. Dabei wird die größte Unterhaltungsindustrie zum Gegenspieler, vor dem man wirklich auf der Hut sein muss. Die Studios mögen es nicht, wenn man die Schattenseiten von Hollywood zeigt und sie sind bereit dafür über Leichen zu gehen. Das ist eine Plotidee, die nicht wirklich neu ist, aber Angel City erzählt es in einem guten Fluss und ist dabei noch eigenständig genug, dass man bei Laune bleibt und spannend genug, dass man direkt zum nächsten Heft greifen will. Die Grenze zwischen Glamour und Schmutz verschwimmt nur all zu schnell und man lernt, dass die Stadt der Engel nicht nur eitel Sonnenschein ist.
Dem Comic ist es gelungen ein sehr glaubhaftes Grundgerüst zu konstruieren, das eine gute Mischung aus Action, Drama und Verrat darstellt. Leider ist es aber so, dass die Geschichte manchmal etwas zu gehetzt wirkt oder man sich sehr einfachen Mitteln bedient hat, um Teile davon voran zu treiben. Es kann natürlich vorkommen und wirkt auch realer, wenn eine Geschichte durch Zufall ein neues Element bekommt, aber gerade im Bereich Krimi wirkt es doch schöner, wenn sie die Hauptfiguren viel selbst erarbeiten und sich Gefahren stellen. Sie sollten nicht zu oft von einer Fügung voran gebracht werden. Trotzdem ist alles sehr schön filmisch erzählt und man verzeiht den ein oder anderen Patzer, weil Angel City im Ganzen noch einen soliden Plot liefert.

(c) Megan Levens / Nick Filardi / Oni Press

Getragen wird der Comic aber nicht nur von seiner Geschichte, sondern zum Großteil auch von den Figuren, die darin auftauchen. Besonders wichtig ist dabei natürlich die Titelfigur Dolores. Sie ist ein typische Antiheldin, die sich am Rande des Gesetzes bewegt und auch mehr als einmal zu härteren Mitteln greift, wenn es ihrer Sache dient. Trotzdem ist sie kein emotionsloser Klotz, der sich durch Hollywood prügelt, sondern zeigt ihre Emotionen sehr deutlich. Die Trauer um ihre verlorene Freundin ebenso, wie Zuneigung zu anderen Menschen, aber auch Härte gegenüber ihrer Gegner. Sie ist eine starke Persönlichkeit, die sich auch mal die Hände schmutzig macht. Dabei ist sie stets getrieben von ihrer eigenen Agenda und ist auch bereit sich gegen ihresgleichen zu stellen, wenn sie ihr im Weg stehen.
Die Nebenfiguren haben es da schon etwas schwieriger. Teilweise sind sie sehr flach und entwickeln nur sehr wenig Persönlichkeit. Vor allen Dingen die Gangster sind zu einem großen Teil einfach austauschbar und haben kaum einen Wiedererkennungswert. Das ist ein wenig schade, da diesem Comic ein charismatischerer Gegenspieler gut getan hätte. So wie es jetzt ist, ist es immer noch okay, aber wenn man sich der Möglichkeiten bewusst ist, dann mindert es diese Story ein wenig. Generell wirkt es bei einigen Figuren, als wären sie nur da um der Handlung zu helfen. Sie tauchen immer nur auf, wenn die Geschichte in einer (scheinbaren) Sackgasse steckt und bringen einen neuen Impuls. Darüber hinaus haben sie aber keine wirkliche Persönlichkeit… außer vielleicht das sie aus New York kommen.
Spannend ist dafür, dass einige der Figuren aus dem realen Leben stammen und zu der Zeit des Comics in Hollywood eine tragende Rolle gespielt haben. Zumindest im Verborgenen. Sei es eine engagierte Zeitungsreporterin, die Besitzerin eines Begleitservice oder auch der Fixer Eddie Mannix. Dieser war damals dafür  verantwortlich, dass der Schmutz von Hollywoodstars unter dem Teppich bleibt. Wenn etwas passiert, dann taucht er auf und bringt es wieder ins Lot, egal welche Mittel dafür nötig sind. Das macht ihn auch im Comic zu einer spannenden Ergänzung und die Anlehnung an die Realität verleiht Angel City sogar eine erheblich düsterere Note.

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„I feel like, in terms of pop culture, we’ve come to expect less from women characters. It’s funny, but you take the gun molls and showgirls from the gangster movies of the 1930s and 40s—the ones who are platinum blonde and hard as nails. I’m thinking of Jean Harlow, or Virginia Mayo as James Cagney’s girlfriend in White Heat. Those were some smart, tough, ride or die dames!“

– Janet Harvey im Interview mit The Mary Sue –
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Die Zeichnungen tragen natürlich auch viel zu dem Comic bei. Auch diese fangen den Charme der 30er-Jahre mehr als gekonnt ein. Man sieht Angel City an, dass sich viel Zeit für Recherche genommen wurde und man mit Referenzmaterial gerade aus dem Bereich Film sehr intensiv gearbeitet hat. So entsteht ein glaubhaftes Bild der Zeit, in dem man die Liebe der Kreativen hinter dem Projekt deutlich sehen kann. Zeichnerin Megan Levens hat selbst gesagt, dass sie eine große Begeisterung für Stil und Mode hat, die von der Jazz-Ära bis zum zweiten Weltkrieg reicht. Damit zeichnet sie ein Bild von starken Frauen, die immer perfekt gekleidet sind und nicht weniger eleganten Gangstern, die direkt der Leinwand entsprungen sein könnten.
Der Stil selbst hat generell einen eher realistischen Ton, der für sich alleine manchmal ein wenig steif wirkt. Durch die Kolorierung von Nick Filardi relativiert sich das aber ein wenig.  Seine Arbeit an dem Comic Powers hat ihn bereits an das Genre gewöhnt und er kann mit seinen Farben generell viel zu Angel City beitragen. Ähnlich wie schon K. Michael Russell in Glitterbomb fängt auch Filardi den Zauber von Hollywood mit seinen Farben perfekt ein. Die dunklen, verrauchten Clubs der Gangster wirken bedrohlich und die sonnendurchfluteten Straßen rufen nach Unabhängigkeit. Der Comic ist generell sehr warm gestaltet und in der erzeugten Stimmung wirken Verbrechen unpassend. Genau das macht sie aber um so dramatischer.

(c) Megan Levens / Nick Filardi / Oni Press

Alles in allem erzählt Angel City die Geschichte einer starken Frau, die ihren Weg in einer korrupten Welt sucht. Sie möchte ebenso den Tod ihrer Freundin rächen, wie sie ein neues Morgen für sich selbst sucht. Das ganze ist verpackt in einem soliden Krimi, der einiges an Drama aufzuweisen hat. Wer sich für das alte Hollywood und Gangster-Geschichten begeistern kann, wird mit Angel City wahrscheinlich auf seine Kosten kommen. Ich hoffe auf jeden Fall auf eine Fortsetzung. Das Ende würde sowas zulassen und ich würde gerne sehen, wie Janet Harvey in einer neuen Reihe mit Dolores wieder Fiktion und Realität vermischt.
Wer sich nun für Angel City erwärmen kann, muss im Moment noch versuchen an die sechs Hefte der Miniserie zu kommen. Ansonsten muss man etwas Geduld mitbringen, denn der Sammelband ist zwar schon im Diamond Comic-Katalog gelistet, wird aber erst am 16. August 2017 erscheinen.

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Verlag:                                   Oni Press
Autor/in:                                Janet Harvey
Zeichner/in:                          Megan Levens
Kolorist/in:                            Nick Filardi
Lettering:                              Crank!
Seiten:                                   ~ 168 Seiten
Preis:                                      19,99 Dollar

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Veröffentlicht von

El Nerderino

Der Comic-Stapel ist zu groß, die Lego-Kisten laufen über und bei den vielen Serien hat Netflix auch nichts mehr mit chill zu tun. Trotzdem wird sich immer mal wieder ein großer Kakao und Zeit zum bloggen genommen. Irgendwo muss die Meinung ja hin… auch wenn sie keinen interessiert.

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