Review: Afar (Image Comics)

Sieht man einmal von den beiden Verlagen Marvel und DC Comics ab, die natürlich immer im Fokus stehen, dann war in meiner News-Bubble für Comics lange nichts mehr so gefragt wie Afar. Von der Ankündigung, über erstes Bildmaterial, bis hin zu den verdammt guten Reviews, war das Feedback immer ausgezeichnet. Die bei Image Comics erscheinende Graphic Novel von Autorin Leila Del Duca (Shutter) und Künstlerin Kit Seaton (The Black Bull of Norroway) erweckte alle Anzeichen ein großartiger Comic zu werden. Dementsprechend hoch war meine Vorfreude auf den Band und ich bin froh, dass ich ihn endlich lesen konnte. Doch konnte die phantasievolle Geschichte über Boetema und ihre Traumreisen der hohen Erwartung gerecht werden)?

Die 15-jährige Boetema lebt mit ihrer Familie in einem postindustriellen Ödland. Es ist ein einfaches und oft anstrengendes Leben. Als das Mädchen aber auf einmal die Fähigkeit entwickelt im Traum eine Astral-Projektion von sich auf fremde Planeten zu schicken, öffnen sich ihr ganz neue und phantastische Welten, die sie selbst niemals hätte erahnen können. So beginnt Boetema im Schlaf viel Neues zu entdecken und das macht ihr unfassbar viel Spaß. Zumindest bis durch ihr Verschulden jemand schwer verletzt wird. Jetzt muss das Mädchen einen Weg zurück auf einen Lichtjahre entfernten Planeten finden, um ihren Fehler wieder gut zu machen.
Als wäre das noch nicht genug, muss sich Boetema auch mit einigen Problemen auf der Erde herumschlagen. Ihre Eltern haben sie und ihren 13-jährigen Bruder Inotu eine Weile verlassen, um zu arbeiten. Auf sich allein gestellt stolpern die Kinder jedoch schnell in einige Probleme und finden sich plötzlich auf der Flucht durch eine gefährliche Wüste. Werden die beiden diese Reise unbeschadet überstehen? Wird Boetema zurück auf den fremden Planeten finden? Und warum hat sie diese Gabe überhaupt? Erfahrt das alles in Afar.

(c) Kit Seaton / Image Comics

Jedesmal wenn Boetema einschläft, nimmt der Comic Afar uns mit auf eine phantasievolle und wunderschön anzusehende Reise. Das Mädchen besucht viele verschiedene Welten, die sich zwar stark von der unseren unterscheiden, aber auch immer wieder Parallelen aufweisen. Das geht von achtbeinigen, grünen Tiegern, über Echsenmenschen in Hawaiihemden, bis zu amerikanischen Tiergeistern. Wir erkennen in allem etwas Vertrautes und doch ist es einzigartig und faszinierend genug, dass einen die meisten Welten schnell zu verzaubern wissen. Daher ist es fast schade, dass sich der Fokus mit der Zeit doch nur auf einen Planeten reduziert und wir nicht mehr auf Entdeckungsreise gehen. Die Geschichte legt einfach nahe, dass man sich auf ein Abenteuer fixiert und das ist auch gut so. Trotzdem hätte ich einfach gerne mehr gesehen.
Generell hat man zwischendurch das Gefühl, dass die Fähigkeit von Boetema nur ein Gimmick ist, um etwas einzigartiges in den Plot einzubauen. Sehr lange passiert das nämlich nur am Rande und hat gar nicht so viel mit der eigentlichen Handlung auf ihrem Planeten zu tun. Es ist ein wenig als würden zwei Geschichten parallel erzählt und dadurch würde beiden der Platz fehlen sich komplett zu entfalten. Zum Glück relativiert sich das mit der Zeit immer mehr und auch es immer noch ein paar seltsame Entscheidungen in der Erzählweise gibt, wirkt es mit dem voranschreiten der Handlung immerhin, als würde alles etwas flüssiger werden.
Man merkt ein wenig, dass es das Debüt von Del Duca als Autorin ist. Trotzdem verbirgt sich in Afar viel Potential und ihr gelingt es auch einen großen Teil davon umzusetzen. Auch wenn der Comic ein wenig Zeit braucht, um seinen Zauber zu entfalten, erzählt er am Ende eine schöne Geschichte über zwei Jugendliche, die über sich selbst hinaus wachsen müssen. Gemeinsam stellen sie sich dem Leben und finden einen Weg alle Hindernisse zu überwinden. Mögen sie auch noch so schwer sein. Am Ende gefallen mir sowohl die Traumreisen, als auch die Erlebnisse der Jugendlichen sehr gut, aber ich frage mich, ob nicht beide Geschichten für sich alleine besser gewesen wären, als die Herangehensweise in Afar.

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„My favorite part was dreaming about what I wanted to see Kit draw! She’s already done a lot of historical fiction, so I wanted to see her incredible design sense applied to science fiction and fantasy.“

Leila Del Duca im Interview mit Comicosity –
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Das wirkliche Highlight in dem Comic ist aber zum Glück nicht seine Geschichte, sondern die Charaktere. Da drücke ich bei der Handlung gerne mal ein Auge zu, wenn ich diese mit Boetema durchleben darf. Sie ist ein selbstständiges und mutiges Mädchen am Rande des Erwachsenwerdens, das ihren festen Platz im Leben noch sucht. Belastet durch die Probleme ihrer Eltern und ihre Lebensweise schafft sie es trotzdem schon ganz gut auf eigenen Beinen zu stehen und für sich und ihren Bruder zu sorgen. Sie ist sehr verantwortungsbewusst und würde alles für die Sicherheit von Inotu tun und das stellt sie auch mehr als einmal unter Beweis.
Zeitgleich zeigt sich in ihren Träumen aber auch die Neugierde und Abenteuerlust des Mädchens. Wir sehen wie sie neue Welten kennen lernt, die teilweise wunderschön sind, aber manches Mal auch wirklich gruselig. Aus jeder dieser Reisen gelingt es Boetema etwas zu gewinnen. Sie sammelt Erfahrungen, macht Fehler und versucht auch diese wieder auszubügeln. Alles in allem ist es immer ein Abenteuer, an dem wir das Mädchen wachsen sehen.

(c) Kit Seaton / Image Comics

Besonders wichtig für Afar sind vor allen Dingen die Zeichnungen. Man kann eine noch so phantasievolle Geschichte über fremde Welten erzählen, aber wenn die Bilder das nicht mit transportieren, dann fällt es einfach schwer in das Geschehen einzutauchen. Zum Glück hat Del Duca mit ihren Skizzen nicht nur eine gelungene Grundlage gelegt, sondern mit Seaton auch eine Zeichnerin gefunden, die das perfekt umsetzt. Sie haucht den Ideen der Autorin Leben ein und setzt es auf so bezaubernde Weise um, dass man direkt von dem Comic in seinen Bann gezogen wird.
Der Stil von Seaton wirkt stellenweise etwas grob und skizzenhaft, aber zeigt trotzdem viel Liebe zum Detail. Gerade die Mimik der Charaktere ist sehr ausdrucksstark und somit besonders die Gefühlswelt gekonnt eingefangen. Außerdem gelingt es der Zeichnerin sehr gut sowohl die arabisch angehauchte Welt von Boetema glaubhaft zu gestalten, als auch die vielen anderen Planeten mit Leben zu füllen. Letzteres vor allen Dingen durch die kreativen Designs der Bewohner, aber auch viel durch den gekonnten Umgang mit Farbe. Auch als Koloristin hat Seaton bereits Erfahrung und das kommt diesem Comic definitiv zu gute. Das geht vom Sternen behangenen Nachthimmel in tiefem blau, bis zur von der brennenden Sonne durchzogenen Wüste. Die Farben sind immer auf den Punkt und mehr als einmal hatte Seaton die Gelegenheit sich vollkommen auszutoben und ungewohnte Wege zu beschreiten.

(c) Kit Seaton / Image Comics

Am Ende kann man sagen, dass die Geschichte zwar nicht ihr volles Potential ausnutzt, aber in den anderen Aspekten gut genug überzeugen kann, dass sich ein Blick auf jeden Fall lohnt. Die Charaktere sind überwiegend sympathisch oder nachvollziehbar und gerade visuell zieht Afar einen total in seinen Bann. Da der Band in sich geschlossen ist, ist es auch keine gewaltige Anschaffung. Der Comic ist vielleicht nicht das große Meisterwerk, das man vorher erwartet hat, aber es ist ein schönes Abenteuer, das einen in phantasievolle Welten mitnimmt. Del Luca und Seaton haben hier eine wundervolle Flucht vor dem Alltag geschrieben, die einem das gesamte Universum öffnet.
Außerdem haben sie sich schon dazu geäußert, dass der Comic wohl eigentlich als Trilogie ausgelegt ist und bei Erfolg des ersten Bandes fortgesetzt wird. Ich würde mich da sehr drüber freuen, da die Geschichte dann endlich den Raum bekommt, den sie verdient. Daher hoffe ich sehr auf einen Erfolg, um noch einmal in die Welt von Boetema mitgenommen zu werden.

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Verlag:                             Image Comics
Autor/in:                         Leila Del Duca
Zeichner/in:                    Kit Seaton
Kolorist/in:                      Kit Seaton
Seiten:                             168 Seiten
Preis:                               14,99 Dollar

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Veröffentlicht von

El Nerderino

Der Comic-Stapel ist zu groß, die Lego-Kisten laufen über und bei den vielen Serien hat Netflix auch nichts mehr mit chill zu tun. Trotzdem wird sich immer mal wieder ein großer Kakao und Zeit zum bloggen genommen. Irgendwo muss die Meinung ja hin… auch wenn sie keinen interessiert.

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